Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6

Ein etwas exzentrischer Roman für die, die die Realität nicht zu ernst nehmen.

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Italien

26.06. Oppède-le-Vieux & Menerbe

Die Nähe zur Sorgue verschaffte uns eine etwas kühlere Nacht und einen schönen Morgen, der uns um diese Zeit noch nicht mit der Hitze des Tages konfrontierte wie in den vergangenen Tagen. Das erhielt uns die Energie für den Tag. Wir konnten uns nicht recht entscheiden, was wir uns anschauen wollten, hatten die Wahl zwischen einigen Orten in der Nähe. In Apt ist samstags immer Künstler-Markt, was immer das heißt, doch konnten wir uns beide nicht dazu durchringen. Stattdessen fanden wir einen Ort im Rough Guide mit dem Namen Oppède-le-Vieux, dem ein winziger Absatz gewidmet war. Es schien uns nichts Besonderes, vielleicht ein kleiner Zwischenstopp, bevor wir unseren Weg nach Menerbe oder Lacoste fortsetzen konnten. Bevor wir Oppède-le-Vieux jedoch erreichten, spielte uns Garmin wieder einmal einige Streiche. Die winzigsten Straßen mussten wir nehmen, beinahe unbefahrbar mit unserer Wuchtbrumme und es kam vor, das ich mich das eine oder andere Mal weigerte, den störrischen Anweisungen meines Navigationsgerätes zu folgen, weil die Wege zum Teil mehr wie Wanderwege als wie passierbare Straßen aussahen. Irgendwann, nach etlichen Steigungen, kamen wir an, zumindest teilte uns ein Ortsschild etwas Ähnliches mit. Das Parken im Dorf selbst ist verboten, so dass der gesamte Verkehr auf den öffentlichen Parkplatz umgeleitet wird, den man auf diese Weise nicht verfehlen kann. Somit waren wir gezwungen, die Gebühr zu entrichten, ob wir nun wollten oder nicht. So schnell waren fünf Euro verschwunden, eine Tatsache, die ich nicht gerne zugebe, denn es ist eine Art Sport für mich, Gemeinden zu überlisten und die Parkplätze zu finden, für die man nicht bezahlen muss. Meist ist das nicht schwierig und die Parkraumbewirtschaftung – eines der hässlichsten Worte in der deutschen Sprache - ausgesprochen stümperhaft organisiert, weil Gratis-Parkplätze oft direkt an zu bezahlende angrenzen. Die einzige Gemeinde, die es bislang wirklich geschafft hat, mich zu entnerven, ist die in Durham, im Norden Englands. Somit ist mein Schnitt nicht schlecht, auch wenn ich heute verlor.

Der Parkplatz in Oppède ist sehr hübsch angelegt, grenzt direkt an eine Art botanischen Garten, der sehr gepflegt ist. Es war hier und heute, dass ich das erste Mal ein kleines blühendes Lavendelfeld gesehen habe. Diejenigen, an denen ich bislang vorbei gefahren war, blühten noch nicht.
Wir wussten noch nicht, was uns in diesem Dorf wirklich erwarten würde. Von einigen Informationstafeln auf dem Weg erfuhren wir, dass es im Mittelalter einmal eine blühende Gemeinde war, heute jedoch kaum noch jemand hier wohnt. Sollten wir eine Geisterstadt gefunden haben? So genau hatte ich den Rough Guide nicht gelesen, unsere Spannung, genährt aus Unwissen, wuchs in jedem Moment.

Nachdem wir den Park durchquert hatten, sahen wir die ersten Häuser, rustikal und alt wie in vielen Städten hier. Nach wenigen Metern öffnete sich unser Blick auf einen mittelalterlichen Platz, wir konnten die Burgruine auf einem entfernten Hügel erkennen und die Reste des Dorfes darunter. Hier auf dem Platz waren einige sehr geschmackvolle Restaurants, keines von ihnen überkandidelt, sondern genau so rustikal wie Oppède selbst. Wir ahnten in diesem Moment, dass aus dem kleinen Zwischenstopp ein handfestes Abenteuer werden würde. Wir waren zwar nicht ganz allein, doch nur wenige Touristen hatten an diesem Tag den Weg hierher gefunden. Wir gingen durch ein altes Tor, das wahrscheinlich einmal zum Rathaus gehört hatte, dann hatten wir Gewissheit. Wir befanden uns in einer Ruinenstadt, die schon vor vielen Jahren, wenn nicht gar Jahrhunderten, verlassen worden war. Überall wuchsen Pflanzen auf den unebenen mit steinen gepflasterten Wegen, Häusereingänge waren eingestürzt oder zugemauert. Einige wenige Gebäude konnten wir erkunden, doch auch hier waren es nur karge Räume, deren Decken teilweise fehlten und die von der Pflanzenwelt bereits langsam zurückerobert wurden. Die ganze Zeit über ging es bergauf, an Mauerresten vorbei, auch an wilden Pflanzen, und ich musste daran denken, wie anders dieses Dorf im Vergleich zu den sonst so perfekten, für die Touristen aufgepäppelten Städten in der Provence war. Mehr noch als sonst fing uns der Charme des Ortes ein, umhüllte uns in ein wenig Abenteuer, das wir nicht erwartet hatten.

Irgendwann erreichten wir die Kirche, die mit ihren restaurierten Außenwänden im krassen Gegensatz zu der ruinösen Erscheinung Oppèdes stand. Als wir jedoch eintraten, sahen wir, dass die Inneneinrichtung durchaus zum Teil zum Dorf selbst passt, der Putz bröckelt, die nackten Steine sind zu sehen, das Beste jedoch ist die Kanzel, die – ich meine aus Holz gefertigt – abgenutzt und charismatisch zeigt, dass sie hierher gehört.
Jetzt wurde es wirklich spannend, denn ein Schild wies darauf hin, dass der Weg zum Schloss nur auf eigene Gefahr zu betreten sei. Es war kaum mehr als ein Pfad. Wir sahen einige Besucher, die aufgrund des Schildes umkehrten, daran dachten wir nicht mal im Traum. Die ganze Anlage stellte sich als völlig ungesichert heraus. Wir kletterten zwischen den Steinen und Mauern hin und her. Die Aussichten, die wir dabei erhaschen konnten, waren fantastisch, sowohl auf das Dorf als auch auf das Tal hinter dem Burgberg. Es wurde sogar an einigen Stellen etwas gefährlich, denn der Pfad war oft nur ca. 30 Zentimeter breit, besonders auf der zweiten Ebene geht es danach steil bergab. Doch wir wurden für alle Mühen, die eigentlich nicht der Rede wert waren, entschädigt. Viele wildromantische Fotos und wie gesagt Aussichten, die man nur bekommt, wenn man sich traut, die höchsten Punkte zu erklimmen. Ab und an tauchten Löcher im Boden auf, aber diese kündigten sich meist lange vorher an und waren gut zu sehen. Ganz oben waren zu dieser Zeit nur wir, die wenigen anderen Touristen trauten sich nicht. Ein wenig stolz waren wir schon darauf.
Was also ein kurzer Tripp werden sollte, entpuppte sich in eine vergnügliche Besichtigung einer einzigartigen Anlage. Endlich einmal etwas anders als die perfekten Städte, die sicher auch ihren Reiz haben. Meinen Augen jedenfalls tat es gut, die konnten sich nicht sattsehen.
Als wir wieder unten waren, setzten wir uns noch in eines der Cafés und schauten uns eine Weile die Ruinen aus der Ferne an, um die Eindrücke noch zu vertiefen. Mittlerweile war es bereits Nachmittag und wir rissen uns von Oppède los.

Die nächste Etappe war Menerbe, das wir bereits letztes Jahr gesehen hatten. Die Anfahrt auf diesen Ort, in dessen Nähe Peter Mayle gewohnt und den er in seinen Büchern verewigt hat, ist beinahe spektakulärer als dieser selbst. Wir wollten jedenfalls in einen kleinen Garten, der dem Künstler Joe Downing gewidmet ist und der uns bereits letztes Jahr so sehr beeindruckt hatte. Er ist kaum mehr als 30 Quadratmeter groß, direkt am Rand der Stadt und leicht zu übersehen. Wenn man eintritt, wird man vom Duft des üppigen Jasmins begrüßt, der Blick streift an zwei großen Terrakotta-Krügen auf einen Springbrunnen, der lustig plätschert. Hinten im Garten, unter schattigen Bäumen, steht ein Steintisch mit Bänken. Es ist ein perfekter Ort, anders kann ich ihn nicht bezeichnen. Friedlich und ehrlich zaubert er ein Lächeln auf das Gesicht eines jeden Besuchers. Und wer hier gerne herkommen möchte, kann auch sehr gut arbeiten, denn es gibt ein kostenloses Wifi-Netz. Unglaublich, aber wahr.
Wir flanierten noch etwas durch Menerbes, sahen uns die Aussichten an, identifizierten Gordes und Roussillion in der Entfernung, die wir beide letztes Jahr schon besichtigt hatten.

Es war bereits beinahe vier Uhr und wir beschlossen, es für heute genug sein zu lassen. Als wir abfahren wollten, mussten wir die Boule-Spieler stören, auf deren Platz wir irrtümlich geparkt hatten. Großzügig ließen sie uns vorbei, Eile gehört sicher nicht zu diesem Spiel, das allein deshalb so gut in diese Gegend passt. Heute Abend werden wir diesen wundervollen Tag mit einem Abendessen abrunden. Ich freue mich sehr darauf, denn es ist sicher einer der seltenen Momente, in denen ich in diesem Luxus schwelgen darf. Oder sagen wir, in denen ich mir diese kleine Schwäche erlaube.
Wenn nicht heute, wann dann?
 
 

Oppède-le-Vieux 1

Der Eingang zur Ruinenstadt Oppède-le-Vieux

Oppède-le-Vieux2

Selten haben alte Steine eine solche Faszination auf mich ausgeübt.

Oppède-le-Vieux3

Die Häuser zerfallen, die Natur erobert ihren Raum zurück.

Oppède-le-Vieux4

Die Kirche ist ein wenig restauriert.

Oppède-le-Vieux6

Die Burgruine und die Aussichten - allein deshalb lohnt der Besuch.

Oppède-le-Vieux7

Malerischer Blick auf das Tal und die Geisterstadt.

Menerbe

Menerbe ist traditionell provencalisch. Hier der Garten zu Ehren des Malers Joe Downing.

Menerbe2

Peter Mayle hat den kleinen Ort in seinen Büchern verewigt. Und wahrscheinlich den Boom ausgelöst, den die Provence seit zwei Jahrzehnten erlebt.

Menerbe3

Ich kann es nachvollziehen, warum die Menschen hier leben möchten. Mir fehlt leider das Kleingeld dafür.

copyright 2005 - 2016 Torsten Thoms

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NEU 2014:

Seelenfesseln

Der Roman zur Reise:
Nocturnia - Die langen Schatten.
Wer möchte, kann die ersten Kapitel hören. Oder auch lesen.

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