Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6

Ein etwas exzentrischer Roman für die, die die Realität nicht zu ernst nehmen.

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Spanien

03.05. Fahrt von der Wüste über den Atlas bis nach Fez

Ich schreibe das aus der Erinnerung, denn gestern, 3.5., war einer dieser Tage, den Reisende zuweilen erleben, an denen mich eine Reihe von Umständen, eigentlich nur Kleinigkeiten, daran erinnerten, dass nicht alles so funktioniert wie ich es mir vorgestellt habe. Hinzu kommen noch – sagen wir – unglückliche Entscheidungen, die mich gestern ein wenig haben verzweifeln lassen, oder besser, meine Laune das erste Mal auf dieser Tour haben schlecht werden lassen.
Der Tag begann um 4:30, der Wecker klingelte und ich machte mich auf den Weg in die Dünen. Die Nacht war so heiß gewesen, dass selbst eine kalte Dusche vor dem Schlafen kaum Abhilfe gebracht hatte. Hitze lässt mich immer eigenartige Dinge träumen, von denen ich zwar am Tag danach weiß, dass sie merkwürdig waren, doch deren Erinnerung verblasst zu schnell, als dass ich sie irgendwie festhalten könnte. Ich wanderte also los, es war noch recht dunkel und der Mond stand hoch am Himmel, aber es dämmerte bereits. Anders als am Tag zuvor hatte sich leider eine leichte Wolkendecke auf den Horizont gelegt, so dass ich den Sonnenaufgang nicht habe sehen können. Trotzdem war es ein erhebendes Gefühl, ich war der einzige Mensch weit und breit, Milliarden und Abermilliarden Sandkörner waren mein, ich war für diesen Morgen der König der Wüste. Als ich an der Palmeria vor den Dünen vorüberging, hörte ich tausend Vögel singen, es war ein Tumult von schier unüberhörbaren Ausmaßen. Dass auch die Wüste lebt, sah ich an den vielen Spuren im Sand, deren Herkunft ich mir erst nicht erklären konnte. Ich stapfte durch die Dünen, immer höher hinauf. Selten hatte ich mich so anstrengen müssen, denn unter mir rutschte der Sand immer wieder weg und ließ mich alle meine Kräfte aufwenden, um vorwärtszukommen. Ich war einige Male mächtig außer Atmen und schnaufte beträchtlich, doch gab ich nicht auf. Dann, endlich, gegen 5:15, saß ich auf der höchsten Düne und schaute auf mein Reich, bestehend aus Hunderten von Dünen, die sich vor mir ausstreckten. Was für ein Tagesbeginn, es war etwas diesig, so dass die Farben der Wüste leider nicht so leuchteten, wie sie das dem Hörensagen nach um diese Zeit tun sollen, doch ich erfreute mich dennoch an dem Anblick. Dann kam ich auf die erste nicht ganz intelligente Idee dieses Tages. Ich stellte meine Kamera in den Sand, um per Selbstauslöser ein Foto von mir zu schießen. Ich war nicht sofort zufrieden mit dem Resultat und probierte es noch einige Male. Die Wüste rächte sich für diese Eitelkeit, denn beim 5. Versuch rutschte der Sand unter der Kamera hinweg und ließ sie umkippen. Sie viel weich, als ich sie aufhob, klebten einige Sandkörner am Objektiv. Hätte ich jetzt mehr Sorgfalt walten lassen und sie besser gereinigt, wäre nichts geschehen. Doch so kam es nicht. Als ich sie das nächste Mal schloss, hatten sich einige Körnchen in den Mechanismus vorgearbeitet, der jetzt stecken blieb. Es half nichts, auch diese Kamera hatte jetzt ihren Geist aufgegeben. Es knirschte nur noch gewaltig, wenn ich sie zu öffnen versuchte. Ich weiß gar nicht, ob ich mich zu diesem Zeitpunkt wirklich ärgerte, denn ich wusste, dass ich selbst für die Situation verantwortlich war. Winzige Sandkörner bewirkten, dass ein ausgeklügelter Mechanismus nicht mehr funktionierte. Wenn Wasser der Tod für Elektronik ist, so haben Sandkörner erheblichen Einfluss auf die Mechanik. Doch schien es mir wie eine Weissagung, ich hatte kleinste Körner nicht beachtet, wie in manch anderen Situationen, in denen ich mich in der Vergangenheit erinnerte, die sich am Ende in das gesamte System gefressen hatten. Es muss nicht immer so sein, doch braucht man sich nicht zu wundern, wenn es geschieht. Meist war ich selbst – wie auch jetzt in der Wüste – selbst verantwortlich, denn ich hatte nicht die nötige Sorgfalt walten lassen, sie zu beseitigen. Es genügt also nicht nur, diese Körner zu sehen, ich werde in Zukunft auch mehr tun müssen, damit sie nicht später erheblichen Schaden anrichten können. Eigentlich eine Lektion, für die ich heute, einen Tag später, dankbar bin. Gestern jedoch war das weniger der Fall, denn wieder sah ich die bildliche Dokumentation meiner Reise in Gefahr.
Ich machte mich auf in Richtung Campingplatz, wo das Leben langsam erwachte. Erstaunt schauten mich meine Mitbewohner an, einige ältere Franzosen, doch mir war jetzt nicht nach heiterem Chitchat. Ich machte mich fertig aufzubrechen, verabschiedete mich überschwänglich von Achmed, der es schade fand, dass ich bereits so früh fahren wollte, hätte er mir doch gerne noch einen See in der Gegend gezeigt. Das nächste Mal, ganz sicher. Es war ein herzlicher Abschied mit Winken.
Eigentlich wollte ich einen Tag Pause einlegen, an die „Blauen Quellen“ von Meski fahren, doch das Kamera-Problem ließ mich weiter denken. Immer noch hegte ich die Hoffnung, dass es vielleicht ein Garantie-Fall sein könnte, so dass ich an den Quellen vorbei fuhr. Meknes, 450 Kilometer weiter, sollte mein Ziel sein.
Es war eine anstrengende, aber wundervolle Fahrt, denn ich passierte nicht nur den Hohen, sonder auch den Mittleren Atlas. Vorbei fuhr ich an atemberaubenden Szenarien, die Berglandschaften änderten sich laufend, von rotleuchtenden Felsen bis hin zu bewaldeten, heideänlichen Gebieten. Ich fuhr durch stattliche Städte und sehr arme Dörfer, nahm mir allerdings kaum Zeit, denn ich wusste, was für eine Mammuttour ich mir heute vorgenommen hatte. Unterwegs kam ich an einigen Pässen vorbei, alle um die 2000 Meter hoch. Viele Pausen ließen mich in Gänsehaut erstarren, denn es war eisig kalt hier oben, ein echter Gegensatz zu wenigen Stunden vorher, als ich bei weit über 30 Grad bereits morgens um 8 geschwitzt hatte.
Doch das war nicht der einzige Unterschied, ständig wechselten die Bilder um mich herum. Manchmal war es völlig karg, Berge ohne einen einzigen Strauch, manchmal dicht bewaldet. Besonders eigenartig war die Stadt Azrou, sehr spät auf der Strecke, denn hier dachte ich, ich führe in eine Stadt im Schwarzwald ein. Die Häuser glichen den unseren, sie hatten meist Spitzdächer mit roten Ziegeln, kleinbürgerlich sauber am Rande von Hügeln. Ein ungewohnter Anblick. Die Berge hier im Mittleren Atlas scheinen noch unberührt zu sein, denn ich sah nicht die Schäden durch Skipisten, die unsere Gebirgswelt so entartet.
Während der Fahrt sah ich eine Menge wilder Hunde, die sich entlang der Straße postierten, um den einen oder anderen Brocken von Vorbeifahrenden zu erhaschen. Es sind scheue Biester, die gelernt haben, mit den Geschwindigkeiten der Autowelt zu leben, denn sie beachten den Verkehr, bevor sie die Straßen überqueren. Ich erinnere mich an einen besonderen Moment, kurz vor Azrou sah ich mitten im Wald ein Lebewesen, dachte, es wäre wieder ein Hund und wollte mich bereits abwenden, da sah ich, dass es einer der berühmten Berberaffen war, und kein besonders kleines Exemplar. So hatte ich also das große Glück, eines dieser Tiere gesehen zu haben. Gerne hätte ich angehalten und ein Foto gemacht, doch wieder fiel mir mein schmerzlicher Verlust der Kamera ein, den ich noch heute irgendwie ausgleichen musste.
Ich kam also irgendwann am Marjane-Supermarkt in Meknes an, bei dem ich in Rabat die Kamera gekauft hatte. Der örtliche Service Manager machte seinem Namen alle Ehre, in dem er sich erst über mein Französisch lustig machte, mir später nicht mal ein wenig half, sondern mich mit der Erklärung über die in diesem Falle übliche Prozedur aus dem Laden schob, die da hieß, ich müsse nach Rabat fahren und mich an diese Kollegen wenden. Er wäre nicht zuständig. Das alles mit einer Arroganz und Unhöflichkeit, die mich maßlos ärgerte. In dieser Wut entschied ich mich, nach Féz weiter zu fahren, um es dort zu probieren. Ich erlebte das Gleiche, nur eine Spur freundlicher. Auch dieser Service Manager half mir nicht, erklärte wieder die bereits bekannte Prozedur, die allen hilft, nur nicht mir, dem Kunden. Ich musste feststellen, dass Kundendienst überall auf der Welt gleich funktioniert, nämlich den Kunden so lange von A nach B zu schicken, bis dieser ermattet aufgibt. Eine Strategie, die besonders bei großen Firmen glänzend funktioniert.
Mittlerweile war es bereits nach 18 Uhr und es wurde langsam dunkel. Ich schleppte mich zum Campingplatz, stellte hier fest, dass das öffentliche Telefon nicht funktioniert und machte mich auf den Weg, eines zu suchen. Ich denke, auf diesem Weg verbrauchte ich den Rest der mir zur Verfügung stehenden Energie, denn als ich heute Morgen aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert.
Letztlich habe ich an einem einzigen Tag das halbe Land durchquert – morgens noch in der Wüste, mindestens zwei Gebirgsketten zwischen mir und meinem jetzigen Aufenthaltsort und ein deutlicher Klimaumschwung. Ich habe die „Blauen Quellen“ nicht besucht, habe keinen Erholungstag eingelegt, etwas, dass ich in diesem Augenblick etwas bereue.
Eine Entscheidung die Kamera betreffend habe ich noch nicht getroffen. Wahrscheinlich werde ich in den sauren Apfel beißen und mir einmal mehr eine neue zulegen, was mich und meine Finanzen erheblich schmerzt. Aber dann ist wenigstens Ruhe und ich muss nicht unaufhörlich daran denken, dass ich keine Bilder machen kann.
Also, der Tag kann jetzt beginnen....

Selbstauslöser kurz vor dem Desaster

Selbstaufnahme. Die Kamera steht im Sand.

Defekte Kamera

So sieht ein Foto aus, wenn Sand ins Getriebe kommt.

copyright 2005 - 2016 Torsten Thoms

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NEU 2014:

Seelenfesseln

Der Roman zur Reise:
Nocturnia - Die langen Schatten.
Wer möchte, kann die ersten Kapitel hören. Oder auch lesen.

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